Alle Jahre wieder…

Nun hat er mich auch erwischt. Der „Jahresend-Blues“. Ein weiteres Jahr geht dem Ende entgegen. Mit einem Glas Rotwein sitze ich in meinem in Kerzenschein getauchten Wohnzimmer, werde leicht melancholisch und ertappe mich dabei, wie ich die vergangenen 12 Monate Revue passieren lasse. Zeit Bilanz zu ziehen, denke ich mir. Gefühlt komme ich gerade das erste Mal seit Monaten der Rastlosigkeit und inneren Unruhe im Hier und Jetzt an.

Ein verrücktes Jahr…

2020 war ein Jahr, dass uns alle, unsere Gesellschaft im Allgemeinen, aber auch mich persönlich herausgefordert hat. Corona hat dieses Jahr geprägt wie wahrscheinlich kaum ein anderes davor. Wer hätte das im Januar noch für möglich gehalten?

Je länger ich allerdings darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass das vergangene Jahr primär aus anderen Gründen zu meiner persönlichen Entwicklung und Veränderung beigetragen hat. Im dritten Jahr nach meiner Magenbypass-OP habe ich festgestellt, dass sich mein Fokus im Leben immer weiter verschiebt. Ob ich das will oder nicht. Ob ich das gut finde oder nicht.

Und alles dreht sich nur um das Eine

Über 20 Jahre meines Lebens waren durch den Kampf mit meinem Gewicht und den einhergehenden körperlichen, wie psychischen Belastungen geprägt. Durch meinem angeknacksten Selbstwert, meine Außenwirkung, meine Abnehmerfolge und Rückschläge. Durch meinem Weg aus und dem Leben mit meiner Essstörung. Mein ganzer Kosmos drehte sich im Kopf um mein Gewicht. Erfolgreich war ich, trotz meines Übergewichts. Gescheitert bin ich, auf Grund meines Übergewichts.

Das zog sich auch 2019 fort. Auf einmal ging es darum meinen neuen Körper anzunehmen. Mich von meinem Übergewicht, auch im Kopf, zu verabschieden. Im Kampf mit der Krankenkasse über die Kostenübernahme meiner Wiederherstellungsoperationen durchzuhalten. Innerlich hatte ich den Drang danach anderen Menschen, die unter ihrem Übergewicht leiden zu helfen. Über Adipositas aufzuklären und zu zeigen, dass es immer einen Ausweg gibt. Ich drehte die Dokumentation auf VOX und lies die Öffentlichkeit, Euch alle, an meiner Geschichte teilhaben. Und ich habe das gerne getan. Habe so offen gesprochen, wie noch nie in meinem Leben, um Menschen zu erreichen und vielleicht ein bisschen Trost zu schenken und das Gefühl mit den Problemen nicht alleine zu sein. In allen Lebensbereichen, beruflich wie auch privat, war Adipositas DAS omnipräsente Thema.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Doch Anfang diesen Jahres kam immer häufiger das Gefühl auf, dass es zu viel ist. Zu viel Vergangenheit. Ich hing gefühlt in den letzten 20 Jahren fest, wie in einer Zeitschleife. Und immer wenn ich mich damit auseinandersetzte, kamen die alten Gefühle wieder hoch. Die Trauer über all die Jahre in denen es mir nicht gut ging. Ich hab irgendwann festgestellt, dass mich das behindert. Wenn ich ständig zurückblicke und alte Wunden aus der Vergangenheit aufreiße, bin ich nur damit beschäftigt diese wieder zu heilen. Und eines, das aller wichtigste, kommt zu kurz. Meine Zukunft. Meine Vision von mir selbst. Das Resultat: Ein fetter Burn-Out.

Irgendwo gefangen zwischen dem was war, was ist und wo ich in meinem Leben hin möchte, fühlte ich mich verloren.

„ByeBye Doppelkinn“ – Ziel erreicht. 100 kg abgenommen. Tschaka! Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Naja, vielleicht sogar nur ein Drittel.

Ich hab mir professionelle Hilfe gesucht. Eine Therapie begonnen. Habe mich immer weiter zurückgezogen aus dem Social Media Bereich und auch aus den Einzelcoachings in meinem Job. Keine Vorher-Nachher Bilder mehr, keine Bloggbeiträge zur Vergangenheitsbewältigung. Gesprächen über dieses Thema bin ich aus dem Weg gegangen. Irgendwann war ich genervt, von mir selbst und von den ständig wiederkehrenden Themen. Also habe ich mehr oder weniger bewußt versucht dem Thema Adipositas in meinem Leben nicht mehr so viel Bedeutung zu zuschreiben. Habe Menschen, die ich kennenlernte nichts von meiner Vergangenheit erzählt. Auf Dates eher über meine Arbeit als Jobcoach und meine neu entdeckte Liebe zu durchtanzten Nächten gesprochen. Wobei das irgendwann problematisch wurde, denn spätestens wenn man sich auch auf körperlicher Ebene näher kam, holte mich meine Vergangenheit ein.

Die Ausstrahlung der Doku im August und die überwältigenden Resonanzen darauf haben mich zusätzlich absolut überfordert. Ich habe mich schlecht gefühlt, weil ich das Gefühl hatte meinen eigenen Ansprüchen im Umgang damit nicht gerecht zu werden. Dieser ganze Prozeß war nicht einfach.

Denn helfen, über das Thema sprechen und aufklären, möchte ich immer noch, aus tiefstem Herzen.

Mir allerdings einzugestehen, dass ich das gerade nicht kann, war hart! Sehr hart! Und wahrscheinlich die schmerzhafteste Lektion, die ich dieses Jahr lernen durfte.

Let it go…

Loszulassen ist so verdammt schwer. Etwas aufzugeben, was so lange Zeit so massiv das Leben, die Denkweise bestimmt hat ist tatsächlich ein Kraftakt. Ihr kennt sicher den Spruch: Wer loslässt, hat beide Hände frei für Neues. Ja, das stimmt. Wenn man allerdings keine Ahnung hat für WAS, kann das ziemlich beängstigend sein.

So langsam entsteht da nun allerdings etwas! Ein zartes Pflänzchen in meinem Kopf. Meine Vision von mir selbst. Ohne Adipositas. Ohne dem Fokus auf meinem Körper. Und immer öfter kann ich das auch ohne schlechtes Gewissen zulassen. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie froh ich darüber bin und wieviel Druck auf einmal von mir abfällt!

Momente des Scheiterns, Zurückweisung oder auch charakterliche Eigenschaften, die ich an mir nicht mag, nicht mehr pauschal aufs Übergewicht schieben zu können, ist zwar manchmal ziemlich anstrengend, aber nur so kann ich mich weiterentwickeln und zu der Person werden, die ich sein will. Langsam erkenne ich die Chancen und die Potenziale, die sich mir nun bieten. Immer öfter schaffe ich es nun auch voller Vorfreude nach Vorne zu schauen und das Hier und Jetzt zu genießen. Stolz darauf zu sein, wo ich jetzt gerade stehe und die Vergangenheit einfach da sein zu lassen, ohne mich immer wieder in ihr zu verlieren.

Jetzt mal Butter bei die Fische

Ein für mich persönliches hartes emotionales Jahr liegt hinter mir, und doch sehe ich endlich wieder Licht am Ende des Tunnels. Meine Bilanz fällt also gar nicht so schlecht aus! Ich habe viel über mich selbst gelernt. Was mir gut tut, was mir nicht gut tut. Habe gelernt, dass alles seine Zeit hat und ich geduldig mit mir selbst sein darf. Ich weiß jetzt, dass ich, bevor ich anderen helfen kann, mir erstmal selbst helfen muss, damit ich nicht untergehe. Außerdem habe ich für mich beschloßen, dass manche Momente, Gedanken und Gefühle für mich so unendlich kostbar sind, dass ich sie nur noch mit meinen Herzensmenschen teilen möchte. Damit sie ihren Zauber nicht verlieren. Das soll nicht heißen, dass ihr gar nichts mehr von mir lest. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl ich hab noch so viel zu sagen. Wie und in welcher Form allerdings werde ich mir noch überlegen.

Zeit für was neues

So sehr ich auch an meinem Namen „ByeByeDoppelkinn“ hänge (er hat mich durch so viele Höhen und Tiefen begleitet), irgendwie fühlt er sich langsam nicht mehr passend an. Mir scheint so, als würde ich ihm Stück für Stück „entwachsen“ – wie meinen Kinderschuhen. Irgendwie möchte ich weniger „byebye“ und mehr „Was kostet die Welt?“. Ich hab mich lang genug von meinem Doppelkinn verabschiedet. Vielleicht sollte ich meinen Bauchnabel oder meine Zehenspitzen begrüßen, oder einfach mal die Alex!

„ByeBye Doppelkinn – Hello Alex“

Das ist doch abschließend eine guter Vorsatz für das kommende Jahr, oder?

Ich wünsche Euch einen guten Start in selbiges! Und ich bin mir sicher es wird uns wieder jede Menge Chancen und Möglichkeiten bieten um über uns hinauszuwachsen! Ich nehme die Herausforderung an. „Same procedure as every year“

Alles Liebe eure

Alex

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