Spieglein, Spieglein …

Tag 70. 8 Tage post OP. 22:07

Anfangs wollte ich in meinen Blogeinträgen ganz viele weise und tiefgründige Dinge schreiben, die zum Nachdenken anregen und für haufenweise Aha-Erlebnisse sorgen (… oder uns zumindest den Weltfrieden bescheren!). Inzwischen habe ich allerdings festgestellt, dass ich gar nicht der Typ dafür bin und überlasse dies dann doch lieber den Dichtern und Philosophen dieser Welt. Ich beschränke mich lieber hier in meinem Blog darauf meine eigenen Gedanken möglichst nachvollziehbar mit Euch zu teilen.

Obwohl mein heutiges Thema eigentlich geradezu prädestiniert dafür ist in philosophischen Gedanken zu schwelgen.

Bist du zufrieden mit dir selbst?

Nachdem ich heute Abend die Dokumentation „Embrace“ von Taryn Brumfitt auf Arte gesehen habe, hab ich mich spontan an den Laptop gesetzt. In dieser Dokumentation geht es um den Begriff Schönheit und wie sich Frauen mit den Schönheitsidealen unserer heutigen Zeit auseinandersetzen.
Mit zahlreichen Statistiken sowie Erfahrungsberichten und Statements ganz unterschiedlicher Frauen, die ihre teils sehr eindrucksvollen Geschichten erzählen, wird diese untermauert. Ca. 90% aller Frauen sind unzufrieden mit ihrem Körper- ich zähle mich ebenfalls dazu. Sie finden sich zu klein, zu dünn, zu dick, zu häßlich. Mich hat „Embrace“ sehr bewegt und zu Tränen gerührt. Ich fing an über meine eigene Geschichte und meine Einstellung zu meinem Körper nachzudenken.

Hier geht’s zum Film „Embrace“ auf arte.tv

Die Hauptaussage des Films „Embrace“ für mich

Nehme deinen Körper an und liebe ihn, so wie er ist. Höre in dich hinein, tue was dir gut tut und gib ihm das was er braucht um gesund und leistungsfähig zu sein. Das ist Schönheit.

Wie ich dazu stehe

Eine wunderschöne Aussage, die in meinen Augen absolut richtig und erstrebenswert ist.  Doch wie weit bin ich davon entfernt? Inwieweit passen die Beweggründe für meine OP und meine Entscheidung ins Bild? Wie weit bin ich mit meiner Selbstakzeptanz und vor allem: Wie wird sich diese verändern, wenn sich mein Körper verändert?

Als ich mich heute abend bettfertig machte und umzog, stellte ich mich vor den Ganzkörper-Spiegel im Schlafzimmer. In Unterwäsche. Früher war das ein „No-Go“, weil ich den „Anblick“ nicht ertragen konnte. Selbst dem Spiegelbild im Bad wich ich beim Zähneputzen aus. Heute stand ich das erste Mal seit sehr lange Zeit also vor dem Spiegel und betrachtete mich – ganz bewußt. Jede einzelne Delle und Hautfalte meines Körpers. Die Narbe von einem Glassplitter auf meinem Unterschenkel, das kleine Blutschwämmchen auf meiner rechten Brust, dass mich seit ein paar Jahren begleitet und die Nähte der Operation die auf meinem Bauch nun für immer Zeuge meiner lebensverändernden Entscheidung sein werden.

„Ja“, dachte ich,“das bin ich. So wie ich jetzt bin. Mit all meinen Makeln und Fehlern!“ Ich hab ein bißchen geweint, denn ich kenne dieses Gefühl, mich wirklich im Spiegel wieder zuerkennen und annehmen zu können, noch nicht sehr lange. Jahrelang habe ich meinen Körper gehaßt, doch das einzige, was ich jetzt spüre ist Dankbarkeit und ein Gefühl der Versöhnung mit der Vergangenheit. 25 Jahre und 3 Langzeittheraphien später. Ist das Selbstliebe? (Meinen Blogeintrag zum Thema Selbstliebe.)

Kurzzeitig schob ich meinen  sentimentalen Schub auf die Hormonveränderungen, die nach so einer OP im Körper stattfinden. Schnell hab ich aber gemerkt, dass das nicht alles ist. Ich hätte nie und nimmer gedacht, dass ich das mal sage, aber es ist tatsächlich so, wie es in unzähligen schlauen Ratgebern heißt: Um dich zu verändern, mußt du dich zuerst so annehmen, wie du bist.

Ich mit Bald

by Frank Waberseck

Die Sache mit den Vorher/Nachher Bildern

Im Netz gibt es eine große Community für Menschen, die entweder schon eine Magen-OP hatten oder es zumindest planen. Knapp 13 500 Mitglieder hat die größte deutsche Seite auf Facebook. Viele nutzen die Plattform um ihre Erfolge mit der Gemeinschaft zu teilen, aber auch um sich zu informieren und Erfahrungen auszutauschen –  so wie ich. Grundsätzlich versuche ich immer aus meiner Perspektive zu kommentieren, nicht zu verallgemeinern und die Handlungen und Denkweisen anderer nicht zu bewerten. Das ist nicht immer einfach wenn ich manch einen Beitrag dort lese. Was mich oft nachdenklich macht sind Beiträge von Menschen, die Ihre Vorher-Nachher Fotos posten. Oft lese ich solche Sätze wie: „Ich will nie wieder so fett sein!“ „Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen, das sieht ja sowas von schrecklich aus!“ „Mein Gott, sah ich fett und scheiße aus.“ „Endlich bin ich wieder ich selbst!“ Am liebsten würden sie ihre dicke Vergangenheit aus dem Leben streichen. Hmm,… ist das der Weg? Ich wünschte diese Menschen würden etwas liebevoller, respektvoller über sich selbst reden, denn auch mit 60 kg mehr sind wir „wir“ – liebenswert! Das sind wir immer. In guten wie in schlechten Zeiten. Unser Körper ist der Spiegel unserer Seele. Ich wünschte, sie würden sich darauf besinnen, dass auch unsere Vergangenheit zu uns gehört, genauso wie die Gegenwart und die Zukunft. Wie denkt ihr über euren Körper?

Was ich mir fest vorgenommen habe

Nachdem mich diese Dokumentation zurück zu der Frage geführt hat, was meine Beweggründe für diese OP sind und welches Ziel ich damit erreichen möchte, kann ich ganz klar sagen: Ich mache das alles NUR für MICH! Für meine Gesundheit und meine Lebensqualität. Es geht mir nicht darum in eine bestimmte Größe zu passen oder den Vorstellungen eines anderen Menschen zu entsprechen. Ich muss niemandem gefallen außer mir selbst. Der Körper ist ein Teil von uns, aber wir bestehen aus soviel mehr als unserer Körperform.

Für mich bedeutet mein Weg in keinsterweise eine Art von Verzicht. Ich weiß, dass ich meinem Körper damit etwas gutes tue und werde alles dafür tun, dass er wieder gesund und leistungsfähig wird – egal wie lange es dauert. Das Tempo bestimmt allein mein Körper. Es bringt nichts sich mit anderen und deren Erfolgen zu messen. Jeder ist anders – und sich selbst unter Druck zu setzen geht nach hinten los.

Für den Fall der Fälle

Ich weiß, dass es Zeiten geben wird, in denen ich Gefahr laufen werde diesen Fokus zu verlieren und in Verhaltensweisen reinzurutschen, die ich unbedingt vermeiden will. Vor allem wenn mein Körper sich verändert. Die Brüste anfangen zu hängen und der Bauch Falten schlägt. Deshalb habe ich alles das, was ich mir für mich wünsche, was mir für meine weitere Reise wichtig ist und meine Ziele für die nächsten Monate in einem Brief an mich selbst festgehalten. Diesen Brief werde ich meiner besten Freundin geben und sie bitten mir diesen in 3 Monaten zuzuschicken. Wenn ich ihn aus dem Postkasten fische, wird er mir hoffentlich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, weil er er mich in dem bestärkt, was ich zu diesem Zeitpunkt durchlebe. Vielleicht wird er mir aber auch in einer schweren Zeit helfen, mich wieder neu zu fokussieren, mich auf das zu besinnen, was mir wirklich wichtig ist und Motivation und Kraft geben weiterzumachen.

Beim letzten Mal, als ich dieses „Ritual“ , einen Brief an mich selbst, durchgeführt habe, hat es mir sehr geholfen.

Vielleicht hast du Lust diese Aktion zusammen mit mir zu starten?

Schreibe einen Brief an dich selbst. Wähle liebevolle Worte und schreibe über deine Wünsche und Ziele. Was ist dir wichtig? Woran möchtest du dich in 3 Monaten unbedingt erinnern? Was möchtest du dir selbst sagen? Gib diesen Brief einer Person deines Vertrauens und in 3 Monaten schauen wir, wo wir stehen?

…auf eine ereignisreiche Zeit! Spieglein, Spieglein …. wir treffen uns wieder. Ich bin gespannt was ich dann sehe!

Kisses Eure

Alex

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